Authentischer Piraten-Bericht

Erstes Interview der Seglerfamilie, die in der Gewalt somalischer Piraten war

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Sie sind dankbar und glücklich, wieder zu Hause zu sein. Und sie machen sich Vorwürfe. Die dänische Seglerfamilie Quist-Johansen hat 195 Tage in den Händen somalischer Piraten verbracht. Mit Jan Quist-Johansen, 52, seiner Frau Marie, 49, den Söhnen Rune, 17, und Hjalte, 15, Nesthäkchen Naja, 13, waren noch zwei Seglergäste mit an Bord, als die Crew am 23. Februar gekidnappt wurde. Jetzt sind alle endlich wieder in Dänemark.
Erstmals hat die Familie einer Seglerzeitschrift ein Interview gegeben, das auch in der Zeitung "Politiken" veröffentlicht wurde. Sie wirkte bei dem Gespräch erstaunlich gefestigt. Marie Quist-Johansen hat dafür eine Erklärung: "Wir waren immer zusammen, wahrscheinlich haben wir deshalb alles so gut überstanden." Einfach war es nicht. "Wir haben viel geweint und wir hatten oft wirklich große Angst."
Immer wieder hat man sich in Dänemark gefragt, warum die Familie überhaupt in das Piratengebiet gesegelt ist. Heute weiß Jan Quist-Johansen, dass er die Situation völlig falsch eingeschätzt hatte. Während ihrer Weltumsegelung waren sie bereits mehrere Male durch Piratengebiete gesegelt, ohne dass etwas passiert war. Außerdem waren die somalischen Piraten bis dato dafür bekannt, es hauptsächlich auf Frachtschiffe abgesehen zu haben. "Das Arabische Meer ist größer als ganz Europa. Innerhalb einer Woche sahen wir nur fünf Schiffe. Und alle, die wir trafen, wollten sich ebenfalls nicht abschrecken lassen." So segelte die Familie mit ihrer Yacht "ING" ins Gefahrengebiet. Man hatte einen Notfallplan. Aber als die Piraten kamen, half nichts. "Wir hätten sofort umdrehen sollen, als wir die Boote sahen. Wir wussten, dass sie immer Benzin sparen. Das war ein Fehler." Marie und die Gäste sendeten die abgesprochenen Notsignale, dann waren die Piraten schon an Bord.
Die Piraten hatten keine Ahnung, wie man segelt. Marie und ihre Tochter mussten sich wie somalische Frauen benehmen und sich verschleiern. Sie nahmen am Seglerleben nicht mehr teil und hatten nichts zu sagen. Die Männer dagegen mussten den Piraten beim Segeln helfen. Alle Geiseln hatten Angst, denn da waren die lauten Schreie, die vielen Waffen, die Furcht, getrennt zu werden. "Gefühlsmäßig war es ein ewiges Auf und Ab", berichtet die Mutter.
Die meiste Zeit ihrer Gefangenschaft verbrachten sie auf einem gekaperten Frachtschiff - die "ING" immer im Schlepptau. Nur einmal waren sie einige Tage am somalischen Strand. Sie konnten in einer nahen Quelle baden, Somalierinnen grillten Hummer und Fleisch für die Geiseln. Trotzdem blieb die Situation angespannt, denn die Piraten befürchteten, dass andere Piraten sie angreifen würden, um die Geiseln zu übernehmen. Als dann Soldaten der Regierung versuchten, die Dänen zu befreien, war es aus mit der Zeit am Strand. Alle Dänen kamen zurück auf das verdreckte Frachtschiff "Dover".
Die Piraten gaben sich launisch, Todesdrohungen wechselten mit Gelächter und Unverständnis darüber, dass sich die Segler nicht freuten, noch am Leben zu sein. Dieses Hin und Her hielt bis zum Ende der Gefangenschaft an. "Wir sagten uns immer wieder, dass sie uns nicht erschießen werden, weil sie ja Geld haben wollen. Aber dann war da wieder Angst."
Überall auf dem Schiff liefen Ziegen herum, einmal am Tag wurde eine geschlachtet. Es war schmutzig und stickig, aber die Familie hatte das Glück, auf dem oberen Deck eine Kajüte für sich zu bekommen. Die beiden Gäste wohnten neben der Kapitänsbrücke. Tagsüber waren alle zusammen. "Es ist sehr schwierig, trockenen Reis hinunterzuschlucken. Zum Trinken gab es jeden Tag eineinhalb Liter gelbes Wasser. Aber dann erlaubten sie uns, Brot zu backen. Einmal in der Woche backten wir Brot und teilten es mit den Piraten."
Die Geiseln spielten Spiele, die sie selbst aus Pappe und Plastik gebastelt hatten, und jeden Tag gab es eine Stunde Unterricht für die Kinder. Hin und wieder konnten sie auch von der "ING" Material und Milchpulver holen, bis sich das Schiff in einer Sturmnacht losriss und verschwand. 2000 Kilometer entfernt wurde es Wochen später von einem Nato-Schiff entdeckt. Die Versicherungssumme wurde ein Teil des Lösegelds. Wie hoch es war, bleibt ein Geheimnis der Familie.
Am 6. September war die Geldübergabe. Die Quist-Johansens und die Gäste wurden in ein kleines Boot gesetzt, mit dem sie selbst hinüber zu einem US-Kriegsschiff fahren konnten. Kaum waren sie weit genug weg, als Naja ihren schwarzen Ganzkörperschleier von sich riss und ins Meer warf. "Das war mein Gefängnis im Gefängnis." Sie scheint gestärkt zurückgekehrt zu sein. "Somalia ist das Gefährlichste, was man erleben kann, und das haben wir geschafft", sagt sie. Und Sohn Rune hat folgende Erkenntnis gewonnen: "Reinlichkeit wird stark überschätzt. Wir haben ein halbes Jahr im Dreck gelebt und sind nicht krank geworden."

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