Claus Gintner angeschossen

Österreichischer Weltumsegler in Venezuela von Banditen angeschossen

Claus Gintner, liebenswertes österreichisches Original, Weltumsegler, Blauwasserliebhaber und Skipper der Escapada wurde in der Nähe der Isla Piritu, Venezuela vor Anker liegend überfallen und angeschossen. Er liegt schwer verletzt in einem Krankenhaus in Puerto Cruz.
Lesen Sie seinen Bericht über die Attacke der Piraten und die Zustände im Spital, aufgeschrieben von Landsmann Mag. Michael Köhler (Segelyacht Twofast ), der Gintner am Krankenbett besuchte:

Ich war mit meinem Boot bei der Isla Piritu (18 Seemeilen westlich von Puerto La Cruz in Venezuela) in der Nähe von zwei Schleppbooten vor Anker, gegen Mittag kam ich mit dem Beiboot vom Schnorcheln zurück, als ich eine Piroge (lokales Holzboot) mit 5 Insassen sah, das mir auffällig erschien. Ich nahm mir vor, so schnell als möglich zum Boot zurück zu fahren und meine übliche Verteidigungsstrategie vorzubereiten – für alle Fälle. Als ich mich mit dem Beiboot meinem Boot näherte, gaben die Venezueler plötzlich auch Gas und kamen mir hinterher und erreichten knapp nach mir mein Boot. Ich konnte nur noch an Deck springen, es blieb mir nicht mehr die Zeit meine Signalpistole zu holen. Die waren sofort nach mir an Deck geklettert, einer hatte ein Gewehr, ein anderer eine Pistole mit der er sofort das Feuer eröffnete. Der erste Schuss verfehlte mich nur knapp, der Zweite traf mich seitlich in den Brustkorb unter der Achsel, der dritte Schuss verfehlte mich zum Glück wieder. Es entstand ein Kampf auf Leben und Tod mit den 5 jungen Männern, die mich in den Salon hinunter treten wollten, weil dann niemand mehr sehen hätte können was an Bord geschah. Es gelang mir 2 Männer ins Wasser zu werfen, die anderen schlugen mit dem Gewehr, der Pistole und anderen Gegenständen auf mich ein. Nach einiger Zeit des Kampfes hoffte ich mich mit einer Flucht retten zu können. Ich sprang ins Beiboot und floh in Richtung der 2 Schleppboote. Die Männer sind mir sofort hinterher und attackierten mich während der Fahrt wieder mit dem Gewehrschaft, einem Ruder und einem Gaff (Anm: extrem spitzer, großer gebogener Fanghaken an einer langen Stange um große Fische aus dem Wasser zu ziehen- ähnlich einem Zappin), ich konnte diese Angriffe während der Fahrt teilweise mit meinem Ruder abwehren. Sie drängten mich ab um zu verhindern dass ich die 2 ebenfalls vor Anker liegenden Schleppboote erreichen konnte. So versuchte ich ins das Riff zu flüchten in der Hoffnung dass sie vielleicht aufsitzen würden um sie dann abzuhängen. Es gelang nicht. Am Ufer der Insel Piritu angekommen floh ich den Strand entlang trotz meiner Schussverletzung in Richtung der zwei großen Schleppboote. Ich kam nicht weit, sie holten mich ein, ich kämpfte wieder um mein Leben, bis sie mich schließlich niederschlugen und mich dann vom Ufer weg in das dahinter liegende Dickicht zogen wo sie weiter auf mich einschlugen. Sie fragten mich wo mein Geld versteckt sei. Ich sagte, dass ich keines am Boot hätte, worauf sie wieder auf mich einschlugen und mich dann in meinem Blut liegen ließen. Mein Beiboot machten sie unbrauchbar indem sie mit einem Messer die Schläuche komplett aufschlitzten. Sie fuhren zu meinem Boot zurück, wo sie sich mit einem 2. Holzboot trafen. Ich versuchte mich trotz meiner Verwundungen ca. eine Meile am Strand in die Nähe der 2 Schleppboote zu schleppen. Irgendwann brach ich zusammen, und versuchte nur noch um Hilfe zu winken. Die Männer an Bord der Boote erkannten die Situation sofort, weil sie mich schon mit Feldstechern beobachtet hatten und gesehen hatten dass ich blutverschmiert war und dringend Hilfe benötigte. Sie kamen mit 2 Beibooten zum Strand, riefen sofort die Guardia Costa (Anm: Küstenwache) und versorgten mich fürs Erste mit Schatten. Ich lag im Sand in der Hitze. Die Küstenwache kam erst eine Dreiviertelstunde später, ich wurde noch immer ohne medizinische Versorgung mit Stricken auf ein Holzbrett gebunden und in das Boot der Küstenwache gehievt. Das alles war sehr schmerzhaft aufgrund meiner Schussverletzung und der anderen Wunden. Auch die Fahrt zurück war eine einzige Qual aufgrund der Erschütterungen durch die Wellen. In Puerto La Cruz wurde ich mit dem Krankenwagen dann ins Krankenhaus (Anm: ein Armenkrankenhaus, überwiegend farbige Patienten ohne Versicherung) gebracht, wo ich noch in der Nacht operiert wurde, man hat mir den ganzen Bauch aufgeschnitten um die Kugel zu suchen und die Blutungen zu stillen. Als ich noch am Strand liegend urinieren musste, kam viel Blut heraus … Am Samstag Nachmittag bekam ich meine erste Transfusion weil ich sehr viel Blut verloren hatte.
Am Sonntag verschlechterte sich mein Zustand zusehends, immer mehr Blut sammelte sich im Bauchraum, sodass die Ärzte im Krankenzimmer zwei Klammern meiner frischen Bauchnaht öffneten. Weil da schon viel Blut heraus geronnen ist, haben sie sich entschlossen, mir noch einmal den ganzen Bauch aufzuschneiden. Den ganzen Nachmittag musste ich mit starken Schmerzen auf einen freien Operationssaal warten. Da es keine Rollbetten gibt, musste ich mit dem halboffenen Bauch aufstehen, meine Bekannten mussten einen Rollsessel organisieren und ich wurde dann so in den OP gerollt. Bis 22.30 lag ich auf dem Operationstisch, doch damit nicht genug, in der Nacht wurde mir noch eine Sonde durch die Nase gelegt, die sich verstopfte und an der ich zu ersticken drohte. Entsetzliche Schmerzen quälten mich die ganze Nacht, erst am Morgen gelang es uns einen Arzt aufzutreiben und Schmerzmittel zu bekommen. Danach erfuhr ich, dass man mir bei dieser Operation eine Niere entfernen musste, weil sie auch von dem Projektil getroffen wurde und die Blutung nicht zu stoppen war. Was sonst noch war konnte ich aufgrund der Sprachschwierigkeiten nicht in Erfahrung bringen. Jetzt hoffe ich, dass sie keine Blutung übersehen haben und nicht noch eine Sepsis dazukommt …
Heute, Montag sind die Schmerzen erträglich, ich bekomme nun Schmerzmittel.

Um die ganze Situation zu beschreiben, in der ich mich in diesem Krankenhaus befinde: Es werden hier offenbar aus Kostengründen nur notwendigste Dinge gemacht. Das beginnt bei der Verabreichung von Schmerzmitteln und speziellen Medikamenten, die werden per Rezept im Krankenhaus verordnet und müssen von den Angehörigen gekauft und mitgebracht werden, wo sie mir dann von den Ärzten verabreicht werden. Im Klartext, es gibt in diesem Krankenhaus praktisch keine Schmerzmittel, Antibiotika und Blutkonserven, sie müssen von Angehörigen gekauft und gebracht werden, wenn man niemanden – oder kein Geld hat - dann bekommt man keine. Montag Vormittag wurde mir Blut abgenommen für eine Untersuchung. Dafür mussten meine Bekannten Eiswürfel organisieren um dann das Blut gekühlt selbst ins Labor zu tragen. Es ist sonst kein Personal dafür da. Ebenso gibt es für die Betten keinerlei Bettwäsche, keine Nachthemden, natürlich auch keine Klimaanlage was bei diesen Temperaturen sehr notwendig wäre, alles ist sehr einfach und das System funktioniert nur, weil von den meisten Patienten die Familienmitglieder im Krankenzimmer am Boden übernachten um als Betreuung für den Patienten da zu sein. Wenn man niemanden hat ist man arm dran… es gibt keine Nachtbetreuung, natürlich auch keine Notglocke, dafür hat man seine Verwandten um im Notfall durchs Haus zu laufen und zu versuchen einen Arzt zu finden. Zum Glück habe ich Bekannte hier in Venezuela, die sich rührend um mich kümmern, ich war seit der Einlieferung noch keine Minute allein. Diesen Menschen verdanke ich mein Leben. Im Moment habe ich nichts, als ich gerettet wurde trug ich nur eine Badehose, selbst das was ich derzeit am Leibe trage wurde mir nur von Freunden geliehen. Alles was ich besitze ist sofern es nicht gestohlen wurde, am Boot – und dieses ist bis zum Abschluss der Angelegenheit von den Behörden zur Beweissicherung beschlagnahmt worden, niemand darf das Boot betreten. Ich habe nichts, nicht einmal mehr meine Brille ohne die ich nichts sehen kann.

Freunde in Österreich haben für Claus Gintner ein Spendenkonto eingerichtet, eine Überstellung nach Österreich wird nämlich von der Versicherung nicht gedeckt. Wer dazu einen finanziellen Beitrag leisten möchte:
Konto-Nummer 651-0025.29, BLZ: 15000, Oberbank Dornach, lautend auf Claus Gintner

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