Wetterkapriolen in Halle 6

„Geht nicht auf das Wetter los! Wenn es sich nicht hin und wieder ändern würde, könnten neun von zehn Leuten kein Gespräch anfangen.“ (© Ken Hubbard)

Wetterkapriolen in Halle 6
Wetterkapriolen in Halle 6

Na? Viel Geld ausgegeben auf der Bootsmesse in Tulln? Für Ölzeug zum Preis einer Harley Davidson? Für Stiefel mit autonomer Klimazone? Für Handschuhe mit lichtverstärkendem Armbanduhr-Fenster? Für rosa-stichige Sonnenbrillen gegen Wetter-Depression? Oder für Funktionsunterwäsche mit aufblasbarer Angst-Windel?
Ich nicht. Weil ich hab den Koarl getroffen.
„Seeeeeeeavas Oida! I bin’s, da Koarl, mei Freind! Kennst mi nimma?“ Ich habe zunächst keinen Schimmer, ob und woher ich den Koarl kennen sollte. Gemessen an der Überschwänglichkeit seiner Begrüßung müssen wir bei mindestens einer Pazifik-Überquerung gemeinsam in einer Wache gewesen sein. Mit einem Klassiker auf den Lippen stößt Koarl frohen Mutes die Türe zu Halle 6 auf: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechtes G’wand!“
Von allen vertrottelten Wetter-Weisheiten regt mich diese mit Abstand am meisten auf. Ipso entgegne ich schroff: „Natürlich gibt es schlechtes Wetter, weil …“ – „Segeln wie Geldscheine unter der kalten Dusche zerreißen ist“, fällt mir Koarl ins Wort und klatscht mir mit der flachen Hand auf den Rücken. Dabei hab‘ ich mich gar nicht verkutzt.
„Zu den unangenehmsten Klimazonen zählen die MisanThROPEN“, johlt er und will so offenbar einen glücklicheren Menschen aus mir machen. Dann legt er sich gestenreich ins Zeug, um mir Doppelsinn und Pointe dieses überaus mittelmäßigen Sprichworts zu erklären.
Ich bin mir inzwischen gar nicht mehr sicher, ob mir dieser Mensch überhaupt schon jemals über den Weg gelaufen ist. Den in dieser Situation durchaus angebrachten Mark Twain („Jeder schimpft auf das Wetter, aber keiner tut etwas dagegen.“) verkneif‘ ich mir jedenfalls.
Ein Fehler, wie sich in der Sekunde herausstellt: „Jeder schimpft auf das Wetter, aber keiner tut etwas dagegen“, frohlockt Koarl und gibt in aller Bescheidenheit zu: „Der Spruch ist nicht von mir, sondern von Samuel Langhorne Clemens!“
„Das ist ja Mark Twains ursprünglicher Name“, grantle ich ihn an – zugegeben nicht ohne Genugtuung. „Si tacuisses, philosophus mansisses“, zertrümmert mein Wachpartner umgehend meinen soeben erworbenen Klugscheißer-Bonus. Meint er mit dem Menschen, der schweigen hätte sollen um weiterhin für einen Philosophen gehalten zu werden, sich selbst? Oder womöglich mich?
Ich versuche mich mehrmals zu verabschieden, indem ich gegenteilige Kaufinteressen vorgaukle. Doch mein rechter Knöchel scheint mit seinem linken durch einen unsichtbaren Palstek verbunden zu sein. Koarl folgt mir gnadenlos, wohin auch immer und stets mit den Worten „So ein Zufall, da will ich auch hin!“
So landen wir schließlich in der Schwerwetter-Abteilung. „Fliegt der Bauer übers Dach, ist der Wind bei Gott nicht schwach.“
Ha! Diesmal bin ich ihm zuvor gekommen! Ich ernte einen weiteren heftigen Schlag auf den Rücken und brüllendes Gelächter. Natürlich kontert Koarl blitzartig mit einem nicht mehr ganz taufrischen Wetter-Witz. „Kennst den?“ gurgelt er und legt los ohne meine Antwort abzuwarten: „Ruft einer beim Wetterfrosch beim Fernsehen an und sagt: ‚Guten Tag, ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass ich gerade Ihre leichte Bewölkung aus meinem überfluteten Keller pumpe!‘“ (© Gerald Drews)
Ich lache ostentativ nicht. Er schlägt erneut auf meinen Rücken. Diesmal mit den Worten: „Ob Sonne, ob Regen, wir sind dagegen! Erich, du bist ein richtiger alter Grantscherb’n geworden!“
Erich? Heiß‘ ich nicht Jürgen? Alles klar. Seit zwei Stunden verwechselt mich dieser Mensch mit weiß Gott welchem Clown! Als mein vermeintlicher Pazifik-Buddy den Survival-Suit-Vertreter mit der Weisheit „Wetter ist eine Erfindung der Natur, Unwetter eine Erfindung der Menschen“ beglückt, werde ich ein bisserl eifersüchtig und schleich‘ mich lautlos Richtung Parkplatz davon.
Koarl, mei oida Freind! Dank dir hab ich heute keinen einzigen Geldschein zerrissen.

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