Eissegeln

Hartgesottene sind nicht nur im Sommer willige Sklaven des Windes

Wenn die Gewässer zufrieren, packen die Eissegler ihre Schlitten aus und flitzen mit dem Wind um die Wette. Schon im 17. Jahrhundert montierten holländische Fischer Kufen auf ihre Boote um über das Eis des Wattenmeeres zum Fischfang zu fahren. Hierzulande ist der Neusiedler See ein beliebtes Revier, auch wenn die Eisdecke nicht immer so dick ist wie im Februar 1987, als sie eine Rekordmarke von 40 Zentimetern erreichte.
Seit Jahren bewundere ich diese eiskalten Engel, heute darf ich für ein paar Stunden einer der ihren sein. In Motorradmontur quetsche ich mich in den einzigen Doppelschlitten von Mörbisch. Die Lufttemperatur beträgt minus 15 Grad, der Wind bläst mit 16 km/h. An der Pinne ist der vierfacher Europameister Fredi Lang. Als er dicht holt, bleibt mir die Luft weg und ich kralle mich an der Schlittenwand fest. Eine Faustregel sagt, dass Eissegler aufgrund der geringen Reibung das Vierfache der Windgeschwindigkeit erreichen können. Die erste Halse fahren wir mit weiterhin dichten Schoten und gleichbleibendem Speed. Der Mast des Kollegen vor uns biegt sich unter dem Winddruck. Fredi nimmt die Verfolgungsjagd auf; wir überholen quasi Kufe an Kufe.
Weiter geht die wilde Hatz. Die Mörbischer Jungs formieren sich zu einer Umrundung der Schilfinsel. Sie steuern die Schlitten bravourös. In der einen Hand die Pinne, in der anderen die Großschot. Mit donnernden Kufen fliegen wir über das grün schimmernde Eis. Risse, Sprünge und Spuren von messerscharfen Kufen haben ein extravagantes Muster darauf gezeichnet. Fredi erteilt mir eine Lektion in Eiskunde. Aufgrund von Unterwasserquellen und Strömungen überlagern sich kältere und wärmere Wassermassen, deshalb bricht die Eisdecke immer wieder auf und es bilden sich offene Stellen. Vorsichtig steuert Fredi eines dieser glänzenden Löcher an, parkt den Schlitten und kniet an der Abbruchkante nieder. Ein kurzer, kräftiger Schlag mit der Faust und schon hält er mir einen gezackten Eissplitter vor die Nase. Eissegler müssen am Neusiedler See ständig auf der Hut sein, wenn sie diese „Emmentaler Löcher“ rechtzeitig entdecken wollen. Für Einsteiger empfiehlt es sich daher gemeinsam mit einem ortskundigen Segler unterwegs zu sein. Denn wer einspitzelt, braucht einen Schutzengel. Materialschäden sind das geringste Übel, oft gab es Knochenbrüche und Gehirnerschütterungen. Immerhin: Eine Selbstrettung aus dem eisigen Loch gelingt meist über die Schlittenteile.

Den gesamten Artikel von Andrea Sikorski lesen Sie in der Yachtrevue 01/2015!

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