Blitzblank

Ich bin ein Saubartl. Nicht generell, auch wenn die beste aller Ehefrauen sowie die Töchter vereinzelt etwas anderes kolportieren. Auf Boote aber trifft das zu. Funktionieren muss alles, da bin ich unerbittlich. Ich hasse es, wenn beim Segeln die eine Hälfte nicht und die andere Hälfte nur andeutungsweise funzt, Beschläge locker oder unbrauchbar, Belegleinen und Schoten grindig sind. Aber blank polierte und glänzende Schüsseln brauche ich definitiv nicht.
Neben einer möglicherweise genetisch-evolutorischen Grunddisposition als auf die Jagd gehender Höhlenbewohner geht das retrospektiv wohl auf ein Buch von Paul Elvström, seines Zeichens legendärer dänischer Einhandsegler und vierfacher Goldmedaillengewinner zwischen 1948 und 1960, zurück, das ich in meiner Kindheit mehrfach verschlungen habe. Was mir bis heute in lebendiger Erinnerung ist und mich geprägt hat, ist Elvströms Einstellung zu seinem Boot in dessen „wilden Jahren“ – überhaupt nicht romantisch, sondern streng funktional. Eine Story für viele: Er erzählt, wie ein Deckel bei seinem Finn klemmt und er deshalb einen dringend nötigen Eingriff im Inneren des Bootes nicht durchführen kann. Ohne zu zögern verschafft er sich per gezieltem Fußtritt Zugang und nimmt ein großes Loch – später notdürftig geflickt – in Kauf. Wow! Das fast ehrfürchtige Verhältnis, das ich als Kind zu meinen Booten hatte, war nach dieser Lektion nachhaltig erschüttert.
Heute bin ich geläutert. Oder verwässert, je nach Sichtweise. Noch immer habe ich, zum Leidwesen meiner Clubkolleginnen und -kollegen und der meisten meiner Familienangehörigen, ein sehr weites Verständnis von einem sauberen Boot. Aber ich schließe offensichtlich langsam an das normalübliche Niveau an. Der unlängst durchgeführte Frühjahrsputz bei meiner Sprinto und der, Gott hab ihn selig, väterlichen Manta löste nicht nur Kreuz- und Armschmerzen aus; beim Anblick der blitzblanken Boote überkamen mich beinahe Glücksgefühle. Tempora mutantur …

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Normal abnormal