Meditatio glaciei*

Der Neusiedler See zugefroren, das Eis solide, wenngleich nicht spiegelnd, über’s Wasser gehen das Gebot der Stunde. Egal ob mit Schlittschuhen oder Schneestiefeln, es ist interessant, den aus vielen Sommern wohlbekannten Clubhafen aus neuer Perspektive zu erkunden. Diese Art der Fortbewegung offeriert Möglichkeiten, die das Boot im Sommer nicht hat: Auf der Stelle kehrt oder einen Schritt nach vorne, zwei zurück machen, mich im Kreis drehen, innehalten – das eröffnet neue Perspektiven.

Über das Eis gehe ich zu meinem Bootsliegeplatz und betrachte den für die Heckleine bestimmten Poller in Ruhe von allen Seiten. Zunächst dominiert die Zweckorientierung: Aha, schon ein wenig durchgescheuert hinten, in zwei oder drei Jahren ist wohl ein neuer fällig. Sollte ich vielleicht eine Ummantelung versuchen? Wäre es nicht sinnvoll, schon jetzt eine neue Führungsleine als Schutz vor dem Nachbarboot zu spannen?

Doch schon bald kommt mein aufgescheuchter Geist zur Ruhe, ich tauche – Mindfulness ist ja in aller Munde – ganz in das Hier und Jetzt ein, akzeptierend, ohne Urteil. Du Poller, Sinnbild für (m)ein Leben? Deine Aufgabe an der Oberfläche ist ohne feste Verankerung in der Tiefe nicht möglich. Sichtbares ist erkenntlich gealtert, mit Rissen und Schrammen, aber du bist auch ohne Beauty-Verdacht voll funktionstüchtig. Du stehst in Reih und Glied mit anderen Pollern und bist doch anders, unverwechselbar und mit einer ganz speziellen Aufgabe. Mit Ablaufdatum versehen wie dein Vorgänger reckst du dich doch – widerborstig? trotzig? stolz? – als ur-maskuliner Phallus unverschämt in die Höhe. Bei Berührung ist ob deiner abstehenden Splitter, Ergebnis vielfältiger Nutzung, Vorsicht geboten.

Wären nicht die, Schneestiefel und Skisocken hin oder her, immer kälter werdenden Füße, könnte ich noch viel länger am Eis meditative Zwiesprache mit meinem Poller halten. So aber dringt die kalte Realität – Realität? – unaufhaltsam in mein Bewusstsein. Also Abschied nehmen und ganz profan in das Clubhaus wechseln, auf einen Tee mit Rum ...

*Lat. für Eismeditation

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Ressort Kreuzpeilung
Heutzutage können Menschen wie Sie und ich ganz schnell „Ambassador“ werden, also Botschafterin oder Botschafter. Eine kleine Auswahl dessen, was Normalos offensteht: Whiskey (z.B. Makers Mark), Geldtransaktionsfirmen (z.B. Neteller), Hotels (z.B. Sava Hotels & Resorts), Bekleidung (z.B. Lanierie) oder Zigarren (z.B. CigarCities). Abgesehen vom zweifelhaften Vergnügen der Eindeutschung eines englischen Begriffs, verbunden mit der netten Variante Ambassadorin und der Verflachung dessen, was er eigentlich umfasst – die Grundidee ist attraktiv: Menschen entscheiden sich, etwas, das ihnen wichtig ist, zu ihrem zentralen Anliegen zu machen, es aktiv zu vertreten, für ein positives Image zu sorgen, dessen Interesse zu wahren und dabei stets höflich zu bleiben.









 

Ambassador

Ressort Kreuzpeilung
Sitze bei einer Tasse Earl Grey Orange Pekoe, Schoko-Lebkuchen, „You want it darker“ von Leonard Cohen und dem beeindruckenden Buch „Die Welt im Rücken“, in dem Thomas Melle über seine bipolare Erkrankung schreibt, im wohlig-warmen Wohnzimmer. Kurzum: Adventliche Besinnung. Plötzlich ein unangenehmes Kratzgeräusch auf der Terrasse. Ich werfe einen Blick hinaus –das Weihnachtsengerl. Allerdings in äußerst ungewöhnlichem Outfit: Es ist von Kopf bis Fuß in bronzene Alufolie gehüllt, zwei seltsam anmutende, etwa zwei Meter lange, dünne Stangen stehen im rechten Winkel von beiden Flügeln ab und zeigen beinahe direkt auf mich. Wortlos runzle ich die Stirn und bitte meinen gefiederten Freund mit einer einladenden Geste ins Haus.









 

Mit der Zeit gehen

Ressort Kreuzpeilung
Anlaufen von Vrulje auf der Insel Molat. Heftiger Wolkenbruch, 50 Meter Sicht, das Fischen der Boje gelingt zum Glück auf Anhieb. Erst einmal alles unter Kontrolle. Später kommt die Sonne heraus und wir hängen auf unserer 50er die Klamotten zum Trocknen auf. Entspannter Blick in die Bucht. Das übliche, Segler wie wir, die Schutz vor der angesagten Bora suchen. Doch halt: Etwas weiter draußen liegt eine mittelgroße Motoryacht – mit helicopter landing pad. „No, a scho was, der konn si net amoi a Boot mit zwa Helipads leisten“, murmeln die an der spanischen und französischen Mittelmeerküste Gestählten unter uns. Doch insgesamt ist eine gewisse Aufmerksamkeit zu spüren. Immer wieder kehren die Blicke zur Motoryacht zurück, wo Weißgewandete zwischendurch Snacks servieren und nachschenken. Dann drängt sich ein kleines Motorboot aus dem Bauch des Mutterschiffs. Hydrofoiling – sozusagen Mono-Wasserski mit Foiling-Stange – ist angesagt. Die Wettervorhersage wird nicht besser und kurz vor Einbruch der Dunkelheit hebt der Heli Richtung Festland ab. „El Jefe will mit Freundin wohl in Ruhe in Zadar dinieren“, bemerkt einer. Kurz danach lichtet auch die Motoryacht den Anker und verlässt Molat.









 

Simplify your life

Ressort Kreuzpeilung
Schauplatz: ein prominenter Segelverein im Osten Österreichs. Plot: ein nicht unmittelbar segelaffines Elternpaar aus dem Westen, dessen segelbegeisterter Sohn an einer Regatta in der Nachbarschaft teilnimmt, stattet dem weithin bekannten Verein einen Kurzbesuch ab; man möchte einmal ‚richtige‘ Seglerluft schnuppern. Skandalon: ein Klassiker der Clubgeschichte. Das Ehepaar wird von einem Clubmitglied gestellt, hat kaum Gelegenheit zu erklären, warum es hier ist, und wird mit Hinweis auf die Privatsphäre des Clubs lautstark abgekanzelt (was man sich einbilde, wer man sei und so weiter).









 

Willkommenskultur

Ressort Kreuzpeilung
Der Fortschritt überrollt mich. Im allgemeinen und insbesondere beim Segeln. Üblicherweise kann ich das recht gut kaschieren, gehen doch die Gespräche im Clubrestaurant und am Bootspark selten so in die Tiefe, dass es auffällt. Aber die ständige Gratwanderung zwischen kompetent erscheinen und sich keine Blöße geben auf der einen, und eigentlich nicht wissen, wovon man spricht, auf der anderen Seite kostet Nervenkraft. Hand aufs Herz: Wie vielen von uns geht es ähnlich, wenn von eigentlich schlichten Themen wie Segel, Leinen oder Bootsbau die Rede ist? Ich kann mich an Zeiten erinnern, als man bei Segeltuch zwischen Baumwolle und Dacron, bei Leinen zwischen geflochten und gedreht und beim Bootsbau zwischen unterschiedlichen Holzarten und GfK unterschied. Nicht, dass ich damals alles verstanden hätte, aber ich war in groben Zügen im Bilde und so war es leichter, allfällige Lücken zu überspielen. Und heute? Ja, Segel werden noch aus Dacron gefertigt (Danke! Danke!!). Aber darüber hinaus gibt es jede Menge andere Materialien: Hydra Net, Mylar, Pentex, Vectran, Technora, Spectra-/Dyneema-Laminate, Kevlar, Carbon, Load Path Membran, Taffeta. Zum Teil nur unterschiedliche Markennamen, weiß ich schon, trotzdem verwirrende Vielfalt. Einfaches Zuschneiden ist auch passé. Ein computergestützter Designprozess setzt sich fort in 3DL, Tape Drive & Co. Bei Leinen zeigt sich ein ähnliches Bild: Neben Klassikern wie Polyester und Polyamid tauchen Dyneema und Vectran auf, ebenso wie Polypropylen, PBO oder Aramid, und das in unterschiedlichen Kombinationen von Kern- und Mantelmaterialien. Beim Bootsbau fange ich gar nicht erst an. Hölzer und klassisches GfK-Aufklatschker-Verfahren sind längst nicht mehr alles, en vogue Begriffe wie Vakuum, Infusion, Pre-Peg & Co., dazu Kohle-, Kevlar- oder Aramidfasern. Schwirrt Ihnen der Kopf? Wollen Sie eigentlich nur ein Boot mit Segel und entsprechenden Leinen? Ich auch. Deshalb kein Herumeiern mehr. Ich stehe dazu: Dacron & Co. sind mein Horizont, darüber brauche ich kompetente Hilfe. Punkt.









 

Fort. Schritt. Hilfe. Punkt.

Ressort Kreuzpeilung
Mich fasziniert die Unterwelt. Genauer gesagt: was Boote unter der Wasserlinie verbergen. Vermutlich hat das mit meiner seglerischen Prägung zu tun. Als ein am Neusiedler See groß gewordener Gatschlackensegler kenne ich Boote hauptsächlich von oben. Klar, hin und wieder eine Kenterung, aber dann hast du etwas anderes zu tun als versonnen auf dein Unterwasserschiff zu blicken. Du versuchst vielmehr keuchend auf das Schwert zu kommen und denkst mit Schrecken an die bald von der Mastspitze kommenden Schlammbatzen und das verschmutzte Segel. Aber alles unter Wasser ist im Normalfall unsichtbar. Vielleicht zieht es mich deshalb fast magisch zu Winterlagern und in großen Hallen stattfindenden Bootsausstellungen. Sie pflegen eine Art pornographischen Zugang zum Thema, geben das Verborgene am Boot fast gewaltsam frei, erlauben den Naheblick auf isolierte Ausschnitte, die wichtig und doch unvollständig sind angesichts des Fehlens von natürlicher Bewegung im Wasser sowie der Abwesenheit von Mast und Segel. Aufgebockte Boote im Winterlager, meist gezeichnet von den Mühsalen der vergangenen Saison und nur oberflächlich befreit von Bewuchs und Schrammen, festgezurrt auf oft altersschwachen Hängern und Böcken laden Voyeure wie mich zur Inspektion ein. Taktil erlauben sie das wohlig-schaurige Erleben von pockennarbigen Unterwasserschiffen oder ausgefransten Kielabrisskanten. Visuell assoziiert man schnell gestrandete Wale, die herausgerissen aus ihrem ureigensten Element aufregend und bedauernswert zugleich erscheinen. Ähnlich und doch ganz anders der Anblick in Bootsaustellungen. Oft frisch aus der Werft, geradezu unnatürlich schön im Oberflächenfinish sind es gerade die ganz großen Boote, die nackt und bloß ihr Untergestell preisgeben. Viele Besucherinnen und Besucher klettern hoch, um in deren Inneres zu gelangen. Ich bleibe unten und streiche wie Peeping Tom um Kiel und Ruder herum, ertaste kleinste Unebenheiten im Unterwasseranstrich, erfreue mich an Form und Position der Kielbomben, gestatte mir – in natura stets ein wagemutiges Unterfangen – einen Naheblick auf diverse Borddurchlässe für WC & Co und sehe mit Entzücken unterschiedliche Formen des Ruderblatts. Seltsam? Vermutlich. Aber anders, aufschlussreich und neue Perspektiven eröffnend.









 

Unterwelt